eigentlich schreiben wir nur.

eigentlich schreiben wir nur.

 

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.”

 


Egal wie viele Jahre Goethe der Romantik widmete, bevor sein Stil sich zur Klassik entwickelte, seinen Liebschaften blieb er nur semitreu. Auch als Hete, stellen seine Errungenschaften meine bisher in den Schatten der Hochhäuser. Hätte er das Potenzial von Dating und Flirtapps nutzen können, würden die Schüler von heute wohl noch mehr Gedichte vorgesetzt bekommen. Wer auch immer in sein Beuteschema fiel, wurde von einer gekonnten Wertschätzung überschüttet, der keiner flachen Anmache von heute gewachsen zu sein scheint. Manchmal wünsche ich mir selbst so einen Liebhaber, aber dann lege ich mich kurz hin und verdränge diesen Gedanken. Das wäre mir dann doch etwas zu schwul. Oder verwechseln wir heute diese Hingabe zu schnell mit Fanatismus und einem Stalkingverhalten?

Wo wir in den ganzen “sozialen” Netzwerken doch mit Ausrufezeichen, rhetorischen Fragen und Selfies nur so nach Aufmerksamkeit schreiben. Wo sich öffentlich Jeder nach Gute-Nacht und Guten-Morgen-Nachrichten sehnt und vom Unterbewusstsein für jeden Like belohnt wird.


Mir wäre das zu viel. Ich bin weder jemand für Smalltalk, noch zum Chatten. Ein kurzer Nachrichtenwechsel zur Bestimmung der Verabredung reicht mir. Etwas Oldschool oder vielleicht schon wieder Mainstream (das lässt sich seit den Hipstern ja nicht mehr unterscheiden) lehne ich diese sinnlosen Phrasen ab und möchte die Menschen entweder ganz physikalisch oder eben gar nicht erleben.

 

Und trotzdem, schreibe ich seit bereits zwei Wochen mit diesem Medizinstudenten. Nicht wirklich regelmäßig, aber doch immer wieder. Und dann ist da jedes Mal diese Euphorie, wenn man neue Zeilen oder gar eine Sprachnachricht erhielt. Bei jedem Bild verfluche ich das Datenvolumen als soziales Druckmittel des Kapitalismus und warte geduldig vor dem leuchtenden Bildschirm auf das Image.  Es ist nicht so, dass der Tag ohne sein Lebenszeichen keinen Sinn mache, aber auch in einer unproduktiven Phase bekommt der Tag so einen Sinn. Meinen Grundsätzen treu wie Goethe, versuche ich ein Treffen zu implizieren. Vielleicht passen unsere Terminkalender nächste Woche endlich aufeinander, dass ich mir da mal ein ordentliches Bild zeichnen kann.