eimsbüttel I

eimsbüttel I

Dienstagabend. Etwas nach neun Uhr in einem Restaurant in Eimsbüttel. Die zweite Flasche Rotwein steht auf dem Tisch, das Licht ist gedimmt. Im Hintergrund klingt leise eine Jazzmelodie, Eiswürfel am Nebentisch klirren in den Gläsern, während heitere Gesprächsfetzen herüberziehen. Andere Menschen in diesem Raum scheinen sich zu verstehen, nur an unserem Tisch treiben die Ideologien auseinander. Bevor er den Tisch reservierte, wählte er die FDP, sei für Olympia in dieser Stadt und auch sonst sei der Immobilienmarkt zu Gunsten seiner Familie ausgelegt. Während seine Aktien an der Börse steigen, denke ich, mich hier völlig verspielt zu haben. Trotz der Verwunderung über den Treffpunkt, einem ordentlichen Date hat man ja eigentlich nichts entgegenzusetzen, aber außer unseren Kleidern und dem Essen scheint hier nichts zum Lokal zu passen. Er nuschelt in seinen Gin, ich trinke meinen Wein. Immer wenn seine Augen mich angucken, gehen seine Brauen nach oben und meine Stimmung in den Keller. Eher in den Weinkeller, um dort verzweifelt nach einer Hoffnung für diesen Abend zu suchen. Er erzählt von seinem letzten Urlaub, ob ich lieber an die West- oder Ostküste fliege und dass er Dubai Monaco immer vorziehen werde. Als wir schrieben, wirkte er doch so humorvoll und belesen. Oder starrte ich nur auf sein Profilbild?

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Resignation. Das scheint mein aktueller Beziehungsstaus auszusagen, denn ich habe weder Lust, diesem politischen Unsinn entgegenzuwirken, noch unternehme ich etwas, um diesem Rauschen zu entgehen. Ich sitze nur da und lächle zwischendurch. Der Mann am Tisch hinten links starrt der Kellnerin auf die Brüste, die Frau hinten rechts scheint meiner ähnlich durch den Raum zu schauen und die Krawatte des Barkeepers hängt schief geknotet. Nach der dritten Flasche verlassen wir das Etablissement. Als ich mich verabschieden möchte, küsst er mich. Entweder schätzt er diese Situation völlig falsch ein oder ich tue es. Vielleicht bestand meine Körpersprache nach dem Besuch im Weinkeller auch eher aus Grammatikfehlern. Egal welch Schwachsinn in den letzten Stunden zwischen seinen Lippen hervorkam, damit umgehen konnte er. Die Stille wird unterbrochen von dem Hupen des Taxifahrers. Er fährt davon und damit auch meine Vernunft. Ich beschließe, mir das Haus des Aristokraten doch noch auf einen Espresso anzuschauen.