feldstrasse I

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 „my fingertips are holding onto the cracks in our foundation.“ – Kate  Nash

Es ist 19 Uhr. In einer Stunde treffen wir uns in einer Bar im Karoviertel und ich war weder im Bad, noch weiß ich im Ansatz, was ich anziehen soll. Stehe vor dem Spiegel und der Frage, wie ich das bitte in Attraktivität verwandeln kann. Wasche ich mir jetzt noch die Haare? Gehe ich dann gleich komplett duschen? Concealer oder die ganze Foundation? Vielleicht eine Mützen.

Es ist halb acht. Genau jetzt muss ich los, um noch rechtzeitig zu kommen. Ich schrieb ihm bereits, dass er um 20:15 da sein solle, wenn wir uns um 20 Uhr treffen. Bei meiner ständigen Verspätung auf Grund von über langen To-Do-Listen warne ich die Menschen lieber schon mal vor, damit sie nicht im Regen stehen. Auf dem Weg zum Kleiderschrank, in welchem ich sowieso nie etwas zum Anziehen finde, überlege ich welches schwarze Oberteil zu der schwarzen Skinnyjeans am besten passe. Er wird der schwarze Feinstricksweater zur Stretchhose von H&M. Eine aktuell unschlagbare Kombination. Nächste Frage: Welcher Turnbeutel passt zu dem Outfit? Natürlich ist er schwarz. Aber welcher neckischen Spruch steht wohl drauf? Irgendeiner. Ich muss los. Noch später als zu spät darf es heute nicht werden. Ich renne los zur Haltestelle, schreibe ihm dabei bereits, dass meine Bahn leider mal wieder Verspätung hat. In der Bahn checke ich kurz alle unsere bisherigen Chatverläufe und Sprachnachrichten, um mich über den Stand unserer Beziehung aufzuklären. Was habe ich ihm bereits erzählt, was weiß ich von ihm?

2015-08-16_1439764942Er ist der Typ, dem ich vor zwei Wochen aus Versehen eine Sprachnachricht schickte, die eigentlich ganz woanders hin sollte. Damals versank ich im Boden, der zeitliche Abstand beruhigte mich zwar wieder, aber dennoch würde das ja nachher ein Gesprächthema werden. Ich denke über verschiedene Konversationen nach, was er sagen könne, was ich antworte, was er entgegne, was ich kontere. Die Ubahn hält beim Hauptbahnhof. In wenigen Stationen bin ich da. Langsam entsteht in mir eine Aufregung. „Grundlos! Das ist nur ein Date“,  beruhige ich mich selbst, denn die durchdachten Gespräche in meinem Kopf finden meistens sowieso nicht statt. Ich lese seine Nachricht, wo ich bleibe. Natürlich weiss ich, wie asozial eine Verspätung beim ersten Date wirken muss, aber das kann man nun nicht mehr ändern. Beschließe das erste Bier auszugeben. Einfach als Entschuldigung.

Zehn Minuten später steige ich aus der Bahn, irre weitere zehn Minuten durch die Gegend, bis wir uns endlich auf der gleichen Straße entgegen kommen. Auf den Fotos, die ich kannte, sah er immer aus wie eine 6/10. In der Realität stand ich nun vor einer Acht, die mir zur Begrüßung die Hand reichte. Auf dem Weg zur eigentlichen Bar, überqueren wir im Nieselregen die Straße Richtung Dom. Eigentlich interessiert mich so ein Volksfest nur wenig, aber meinem Gesprächspartner möchte ich nach diesem Beginn erst einmal nichts ausschlagen. Er schließt sein Fahrrad an, es nieselt, mir wird kalt. Die Lichter der unzähligen Buden spiegeln sich in seinen Augen, er ist etwas kleiner als ich und Lehrer. Erstaunt stelle ich fest, dass zwei Straßen, die ich ganz woanders vermutete, sich hier kreuzen. Der Stadtplan in meinem Kopf wird gerade komplett in Frage gestellt, wir gehen gerade an am Autoscooter vorbei. Eigentlich müssten hier die coolen Kids auf uns warten, aber Montagabend um neun Uhr scheinen sie Besseres zu tun zu haben. Er fragt, wo ich wohne, ich erkläre meine aktuell komplizierte Situation, er lächelt, es nieselt. Vielleicht hätte ich mir etwas Wärmeres anziehen sollen. Er trägt eine dunkle Chino, Slimfit. Wir biegen bei bei einem Fahrgeschäft ab, ich schaue kurz hoch bis mir schwindelig wird und sage ihm, dass ich niemals mit so etwas fahren könne, er auch nicht. Nach einer Runde gehen wir doch in die eine Bar, zwar eine andere als ich dachte, aber sie scheint gemütlich.

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Als wir reinkommen begrüßt uns Gabi, wir nehmen einen Tisch in der Ecke, sitzen uns gegenüber. Ich gehe zum Waschraum und er holt Bier. Wir reden über seinen Beruf und mein Studium, er sei Lehrer, mein Leistungskurs war Geschichte, aber in Kunst war ich gut. Er lächelt und erzählt von der Ausstellung genau der Fotografin, die ich mir auch angucken wollte. Mit der Mütze sieht er aus wie ein Schieberjunge. Das ist süß, er lächelt, ich drehe mir eine Zigarette. Zwar rauche er nicht mehr, aber ich biete ihm mein Drehzeug an, er nimmt es sich, zieht seine Ärmel hoch und fährt fort. Wir geraten in eine Debatte über das Bildungssystem. Er stellt nicht nur das deutsche völlig in Frage, ist der Meinung, dass es nur darum ginge, produktiv arbeiten zu können und dass es unnötig sei, irgendwelche Fakten auswendig zu lernen oder Klausuren über bestimmten Stoff zu schreiben. Ich gebe ihm Recht, dass man heutzutage nur wissen müsse, wo sich das gesuchte Wissen befinde, dass es aber auch wichtig sei, ein Grundwissen zu besitzen. Er sei der Meinung, dass es kein klares Allgemeinwissen gebe. Das sehe ich anders und lasse ihm Raum zur Erläuterung. Während er redet, schweift mein Blick über sein Gesicht, die Augenfarbe lässt sich im Licht schwer erkennen, sie scheinen grün. Seine Augenbrauen ziehen sich etwas zusammen, wenn er nachdenkt, glaube das passiert bei den meisten Menschen. Bevor wir das gesellschaftliche System völlig in Frage stellen, hole ich neues Bier. Er trinkt sehr langsam, daher nehme ich mir gleich ein Großes.

Ein paar Stunden später schaue ich auf mein Telefon, die letzte Bahn fährt in zehn Minuten. Ich weiß, dass ich los müsste, um sie noch knapp zu bekommen, aber stelle ihn vor die Frage, wie lange sich dieser Abend noch fortführen solle. Er müsse morgen auch früh raus, Unterricht vorbereiten oder sowas, aber ein Bier sei doch noch drin. Während ich noch abwäge, ob er es wirklich wert ist, nachher mit dem Nachtbus eine Stunde länger auf dem Heimweg zu sein, erzählt er weiter. Sein Dreitagebart weist ein paar leere Stellen auf, er guckt mir lange in die Augen, an seiner Stirn bilden sich Grübchen, wenn er nachdenkt.

Als ich nach Hause komme, zeigt mein Telefon mit einer Vier die aktuelle Uhrzeit und die verbleibenden Stunden Schlaf an. Beim Zähneputzen singe ich einen Song aus der Bar, der die letzte Stunde Heimweg in meinen Ohren klang. Er wollte mich wiedersehen, vielleicht nächste Woche. Draußen nieselt es. Ich will mehr von ihm wissen und mehr von ihm sehn.