karoviertel I

karoviertel I

Donnerstagabend. Etwas nach zehn Uhr in einer Bar im Karoviertel. Die Luft ist vernebelt, der Tresen klebt, das Astra kostet 2,50. Und wir reden schon bestimmt zwei Stunden über Politik. Er wähle schon seit Jahren die SPD und assoziiere, Schröder sei ein guter Kanzler gewesen. Ich argumentiere, „wenn schon SPD dann nur Brandt“. Aber das scheint unsere einzige Disparität zu sein. Bei der Ablehnung der Olympiabewerbung, den Folgen der Roaminggebühren und den Chancen für die Bundesrepublik durch eine gute Asylpolitik sind wir einer Meinung.

2015-08-30_1440964783Das Bier ist leer, er bestellt zwei neue. Ich zünde mir eine Zigarette an und schaue in seine Augen. Es ist einer dieser Abende, Eines dieser Dates mit jemandem, der einen sofort versteht. Man kann in tausend Metaphern sprechen, mit Ironie um sich werfen, politische Witze machen und wird sofort verstanden. Sein Lächeln beantwortet die Fragen, zu denen er keine Antwort weiß. Dafür kann er fließend Französisch sprechen, hört gerne Jazz und besitzt einen Twitteraccount. Und dann sind da diese Lücken in seinem Bart, dieser offene Hemdknopf, diese Locke links neben seinem Ohr. Er spricht weiter davon, wie wichtig es für einen selbst zu sein scheint, zu wissen was man will, und dass man sich erst selber lieben müsse, um dieses Gefühl jemand zweitem geben zu können. Ich trinke mein Bier und schweife zum Barkeeper ab. Zwischendurch ein Lächeln, um am Gespräch zu bleiben, aber es fühlt sich nicht wirklich richtig an, hier zu sitzen. Nicht, weil morgen früh um acht Uhr die Vorlesung beginnt. Nicht, weil die letzte Bahn in dreißig Minuten fährt. Und eigentlich ist da auch niemand anderes. Eigentlich.

Wir trinken aus, ich zahle, er bedankt sich und zieht seinen Mantel an. So einen Klassiker. graumeliert mit hochgeschlagenem Kragen. Nach einem Abschiedskuss gehen wir in getrennte Richtungen, er wohl nach Hause, ich zur Bahnstation, obwohl ich weiss, dass die letzte schon fuhr.