kleine hure
„Mein Herz ist eine kleine Hure.“
Und ich verliebe mich ständig. In tausend Dinge. Jeden Tag neu. Im November war es das neue Album von Adele. Im Dezember die Waschmaschine von Bosch, der Cardigan aus Baumwolle von Asos, der Kaffee in der Uni-Mensa, mein neues iPhone-Case. Im Januar vermisste ich bitterlich den Schnee, verliebte mich neu in den Studio-Finish-Concealer von Mac, zog mich für den Geruch von frischen Brötchen aus, heiratete eine Powerbank und betrog mein Bett mit dem Sofa und dieser flauschigen Wolldecke.
Alleine letzte Woche verkaufte ich meine Seele für mehr Datenvolumen, wollte das frisch geputzte Badezimmer nie mehr verlassen, belog Menschen, um mehr Zeit in meine Affäre mit Instagram zu investieren und ging dann doch ohne Handy in die Sauna.
Liegt es nicht schon in der Natur der Liebe, sich selber zu betrügen? Es gibt kein für immer und ständig kommen neue Dinge in mein Leben, die wichtiger erscheinen. Hat man nicht so oft, schon so viel investiert, und am Ende alles verloren?
Kaum hat er geschrieben, stehe ich stundenlang mit den Mitbewohnern in der Küche. Sorgfältiger als Deutschlehrer analysieren wir jedes Stilmittel, interpretieren jedes Emoticon und nehmen den Satzbau komplett auseinander.
„Ich fand den Abend sehr nett“, kann wirklich alles bedeuten! Außer, dass er den Abend sehr nett fand. Außerdem änderte er sein Profilbild. Möchte er mir damit zeigen, dass er auch ganz anders aussehen kann? Man sieht seine Schlüsselbeine und nur ein Auge. Dies deutet einerseits auf ein Mysterium, spiegelt andererseits einen sehr luftigen Kleidungsstil wider und macht gleichzeitig auf seine schlechten Kenntnisse der Fotografie aufmerksam.
Alleine die Aufforderung, einen Film zu gucken, wirft schon mehrere Fragen auf. Welchen Film? Wo? Wann? Möchte er eigentlich nur vögeln oder doch kuscheln? Wie lange geht der Abend? Impliziert er, dass ich bei ihm schlafe oder gucken wir eine Serie? Warum fragte er nicht einfach, ob wir Sex haben wollen. Das würde vieles vereinfachen. Wenn wir einen Film anfangen, möchte ich dabei auch dessen Handlung nachvollziehen können und beim Liegen kann man so schlecht Rotwein trinken. Lass uns doch einfach Musik anmachen.
Und als ob das nicht schon genug Gedanken wären, hat der Typ von Grindr mir plötzlich bei iMessages geschrieben, der GR-Mann mir eine ganz merkwürdige Tapse dagelassen und drei Menschen von Tindr sind gleichzeitig „nur kurz“ über das Wochenende in der Stadt. Verliebt hatte ich mich zwischenzeitlich in jeden von Ihnen. Seine langen braunen Haare, die blonden Locken vom Anderen, der Sidecut in lila. Vor drei Wochen versank ich in seinen blauen Augen, vor einer brachten mir zwei grüne ein neues Bier mit und mein gut aussehender Postbote hat Braune.
Irgendwie sehen meine Sexualpartner unterschiedlicher aus als die Welt bei Tag und Nacht. Irgendwo muss doch dieser Stereotyp sein, nach dem ich suche. Doch spielt man oft, setzt viel und gewinnt gefühlt nie. Außer Gefühle. Vielleicht ist das der Sinn, das Spiel an sich schon der Sinn von sich selbst.
Hat man nicht zu oft zu viel investiert und doch nicht gewonnen? Gestern verliebte ich mich in selbstgestrickte Socken, mein neues Whatsappbild, in den Geruch von frischem Kaffee, den Wind in meinen Haaren. Heute Morgen wollte ich nur neben ihm liegen bleiben, Jazz hören und frühstücken. Am Mittag schlug mein Herz für Frühlingsrollen, den neuen Dozenten, Tipp-Ex-Stifte und Taschenuhren. Gegen Abend fahre ich zum Rotwein, dem Elektroswing und dem anderen Typen.