mono, stereo, surround

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Bist Du Single? – Ne, Album.

 

Auf dem Weg zum Date am Freitagabend und dem letzten Versuch des Jahres, vielleicht doch noch an dem Event „Verliebt 2015“ teilzunehmen, laufe ich mit dem Blick auf meinem Smartphone fast gegen eine Litfaßsäule. Kurz lacht sie mich aus, doch der Schein trügt. Der Mann auf dem Poster lächelt mich wohl nur an.
Wenn sich alle elf Minuten ein Single über Parship verliebe, nach dem Statistischen Bundesamt der Trend allerdings zu Wohnungen für Alleinstehende gehe, dann muss der Weg von Bett zum Standesamt doch von etwas gestört werden. Mal weg von der Diskussion über Menschenrechte und Gleichberichtigung scheint auch bei den Heteros in meinem Freundeskreis die Offene Beziehung im Wortschatz Akzeptanz gefunden zu haben. Eine Kommilitonin von mir war gestern mit der festen Freundin ihrer Romanzen beim Sport und fragte heute nach einem guten Weihnachtsgeschenk für die beiden als Paar. Sind die neuen Beziehungsformen heutzutage wirklich schon in christliche Bräuche integrierbar?

 


Bei dieser Entwicklung stellt sich mir die generelle Frage, was Menschen sich überhaupt unter einer romantischen Beziehung vorstellen, welche Erwartungen sie hegen und welche Kompromisse sie für ihre Form von Glück einzugehen wagen. Für eine feste Bindung muss der Partner mir eine zwischenmenschliche Komponente bieten können. Es geht um ein Verständnis der Dinge, die mich beschäftigen, ein Interesse an meinem Leben und einem Nutzen der Kommunikation für meine Entwicklung. Man möchte doch verstanden, unterstützt und wahrgenommen werden. Es geht um das Cliché des Seelenverwandten, der einen ohne Worte versteht, der weiß, was man braucht, ohne dass man es selber wüsste. Kurz gesagt, muss der Beziehungspartner das Haustier als besten Freund ersetzen und gleichzeitig eine sexuell passende Komponente bieten. Wie Töne aus unterschiedlichen Boxen ergeben zwei Individuen so ein einzigartiges Lied. Aber eben weil beide nicht das gleiche senden, sondern perfekt auf einander reagieren. Eine Verbindung auf Grundlage von Abhängigkeit wird niemals gut enden. Es geht darum, dass sich zwei Leben synchronisieren, parallel zu einander verlaufen und sich zwischendurch doch überschneiden. Mathematisch scheint das unmöglich, aber Terminkalender, Interessen und Menschen können anders als Naturwissenschaften an sich arbeiten und sich verändern.

 

All das in einer einzigen Person zu suchen, scheint eine Utopie zu sein. Realistisch betrachtet wird es schon irgendwo jemanden geben, der all das erfüllt, der genau dieses Glück in einem selber zu finden vermag. Aber wie oft können Singles die falsche Tür öffnen, bis sie die Motivation verlieren?

IMG_4676Onenightstands machen die Liebeswelt langsam monoton. Aber das Upgrade auf den Stereosound kostet. Kein Geld, aber Zeit und vor allem die Stärke, sich selber zu mögen. Man kann keinen anderen Menschen wirklich kennen lernen, wenn man sich selber tausend Fragen stellt. Man kann niemand anderes lieben, wenn man bereits vor dem Spiegel kritische Blicke verliert. Also kann man auch erst nach einer anderen Audioquelle suchen, wenn der eigene Equalizer stimmt, man sein Cinch auf Klinke brachte.

Es stellt sich im 21. Jahrhundert, jedenfalls in Europa, nicht mehr die Frage, ob Beziehungen eine feste Form brauchen. Es geht nun um die Frage für das Individuum, welche Art von Leben es anstrebt, um darin glücklich zu werden. Es ist die Welt der begrenzten Unmöglichkeiten. Jeder Mensch gibt seinen eigenen Mono-Sound von sich und kann sich entscheiden, ob er daraus einen Stereo oder gleich einen Suroundsound bilden möchte. Das einzige Hindernis scheint die eigene Wattzahl zu sein.

Diesen Gedanken nur semi zuende gedacht, drücke ich auf sein Klingelschild. Die Haustür reflektiert die Straßenlaterne gegenüber, es summt. Sein Freund wohnt in Süddeutschland, sie sehen sich nur alle paar Monate, wir uns drei Mal in einem. Im fünften Stockwerk höre ich „Your Love is just a lie“ von Simple Plan.