namenlos zu spät

namenlos zu spät

Es ist nicht so, als ob ich noch nie zu spät gekommen wäre. Erfahrungen im unpünktlich sein habe ich wohl genug. Aber jedes mal wieder steigt der Adrenalinpegel an, tippt man panisch Alibi-Ausreden in die Chatverläufe und rennt, obwohl man ganz genau über das Ende seiner Kondition Bescheid weiß.

 

2014-02-21_1393010268Genauso begann auch dieses Date. Auf dem Weg zur Schanze schrieb ich ihm mehrmals meine aktuelle Ubahnstation beziehungsweise die, bei der ich eigentlich sein sollte. Dem HVV kann man vieles vorwerfen, aber nicht, dass ein Verkehrsmittel früher ankommt als im Fahrplan steht. Nach einem kurzen Sprint durch den Regen, stehe ich endlich vor unserem Treffpunkt. Alleine. Es regnet immer noch. Ich stelle mich im Türeingang unter. Zwei merkwürdige Menschen fragen mich, ob ich merkwürdige Dinge bei ihnen kaufen möchte. Ich schreibe ihm, wo er sei, dass es mir leid tue, der Verkehr. Erst jetzt fällt mir auf, dass er die bisherigen Nachrichten noch nicht mal gelesen hat. Wir schreiben noch bei Tindr. Im Herbst hatten wir bereits Handynummern ausgetauscht, aber ich lösche meine Whatsappverläufe öfters und kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Es regnet. Die merkwürdigen Menschen werden noch merkwürdiger, ich gehe drei Hauseingänge weiter, stelle mich erneut unter. Das Display des Smartphones leuchtet in mein Gesicht, die Regentropfen machen die LED-Punkte sichtbar. Meine Nase läuft. Es ist kalt.

 

Mittlerweile kommt er zehn Minuten später als ich schon zu spät kam. Vielleicht ist er einfach gegangen. Nach den bisherigen Verschiebungen dieses Treffens über zwei Monate wäre ich wohl auch nach fünf Minuten im Regen wieder gegangen. Ich nehme mir vor, das in zehn Minuten auch zu beenden. Mein Blick fährt über ein Schild, vor welchem Haus ich mich überhaupt befinde. Bei dem Namen des Rechtsanwaltes fällt mir seiner plötzlich wieder ein, ich öffne Whatsapp und habe seinen Kontakt. Dort schreibe ich das gleich wie eben, dass ich noch warte, ob er schon weg sei und warum es genau heute nach drei trockenen Tagen wieder anfangen müsse zu regnen. Keine Antwort, nicht einmal gelesen.
Zehn Minuten später mache ich mich auf den Weg zur Ubahn, als mir plötzlich ein bekanntes Gesicht entgegen kam. Ihm tue die Verspätung unglaublich leid, er kenne sich in Hamburg noch nicht so aus und sein Handy sei ausgegangen. Ein iPhone. Klassiker. Wir gehen in eine Bar.

 

IMG_4961Der Raucherbereich ist überfüllt, aber zum Glück regnet es hier drinnen nicht. Wir setzen uns, in meinem Blickwinkel die Tür zum Nebenraum, immer bereit, den Platz zu wechseln. Er erzählt von seinen bisherigen Studiengängen, das hätte alles nicht zu ihm gepasst und die Städte waren bisher auch nicht auf seiner Wellenlänge. Während ich ihn korrigiere, dass es die Klientel und nicht das heißt, fährt er durch seine schwarzen Haare. Die Bartstoppeln deuten an, seine Augen reflektieren das Kerzenlicht. Ich hole Bier, bringe ihm Astra mit. Er habe Geographie nun doch zu Ende studiert, wählte 2013 Links/Grün und kommt eigentlich aus Süddeutschland. Mein Blick schweift in den Raucherbereich, immer noch zu voll. ich spreche die heftig günstigen Benzinpreise an, der sagt was zum Frecking, ich frage nach, ob das nicht stark gegen die politischen Ansichten der Grünen gehe, er erläutert die Möglickeiten des Freckings. Wenn er lächelt, zieht sich sein Mund immer mehr nach links als nach rechts. Also von mir aus. Das Kerzenlicht flackert. Die Reflektion in seinen Augen auch. Es läuft Modjo. Er fragt, ob mich das wirklich interessiere. Ich sage Ja und versuche, besser zuzuhören. Es interessiert mich auch wirklich. Da gebe es die Variante, nur Luft in den Boden zu pumpen, somit die Erdschichten zu lockern und das Gas entweichen zu lassen. Ich frage, wo denn dann das Umweltproblem liege, er meint heutzutage möchte man gerne Chemikalien mit runterpumpen, die diesen Effekt dauerhaft erhalten und dass dies das Problem darstelle. Ich stimme ihm zu, aus dem Raucherbereich kommen Menschen, wir stehen auf.
Gleichzeitig mit uns erreichen zwei Frauen den freien Tisch, wir teilen ihn uns. Als mein Feuerzeug den Geist aufgibt, zeigt sich der Vorteil der neuen Bekanntschaft gegenüber. Aber die Gespräche trennen sich und mein Date fragt, wie lange ich schon in Hamburg wohne. Ich fasse die letzten Monate kurz zusammen, erzähle etwas über meine Studien der „Irgendwas mit Medien“, er lächelt, wieder so süß zur Seite. Nur die Kerzen stehen in diesem Raum nicht im Winkel seiner Augen. Er holt neues Bier, ich besuche die Sanitäranlagen. Wir reden weiter. Er lächelt. Eigentlich wollte ich heute bügeln, Muffins backen und das neue Album von Ellie Goulding hören. Aber nach so vielen Absagen musste ich die Verabredung heute endlich mal annehmen.

2014-12-23_1419367279Draußen treten wir in den gleichen Regen, aus dem wir kamen. Mittlerweile würde ich lieber weiter Bier trinken und über die Vergangenheit auf dem Land reden. Wie man früher zum Bus rannte, weil man sonst über eine Stunde warten musste, wie man nackt im Garten liegen konnte, wie die nächsten Nachbarn erst vier Straßen weiter wohnten, wie froh man war, endlich eine DSL-Internetleitung zu haben, wie man sich Nachts mit fünf Leuten ein Taxi teilen musste, weil sonst niemand die dreißig Kilometer aus der Stadt nach Hause gekommen wäre.  Doch auch in der Stadt hält die Infrastruktur nicht 24/7, also liefen wir zur Bahnstation. Er stieg in die Sbahn, ich legte einen Sprint zur letzten Ubahn des Tages hin und kam wie immer zu spät, stand im Regen, rauchte und sang.

 

„Lady, hear me tonight.“