schanze I
Wir saßen, er holte Bier; redeten. Er arbeite Irgendwas bei Google. Das passte natürlich perfekt zu meinen Sagen umwogenen Studien des „Irgendwas mit Medien“. Wir gingen von Suchmaschinen über Marketingoptimierung bis zum Exkurs über Youtube als neues Massenmedium. Über Nutzerverhalten, Trackinganalysen und Adblocking. Die ganz normalen Themen an einem Diskussionsabend auf Arte. Nur da hörte es auf. Zwar sprach er Italienisch, Spanisch, Englisch und Deutsch, nur von Rotwein und französischer Romantik hielt er nichts. War auch nicht schlimm, holte ich eben die nächste Runde.
Weiter ging es über die Suche nach Liebe, den Sinn des Lebens und der Frage, ob er mir nicht neue Zigaretten kaufen sollte. Schließlich rauchte er diese seit zwei Stunden mit. Ich versank während der Beschreibung seiner neuen Wohnung zwei Straßen weiter in eine Vorstellung, genau in dieser am Balkon zu stehen und irgendwas mit „Schatz, den Basilikum sollten wir nicht mit unserer Tabakasche düngen.“ zu sagen. Schwieg aber. Genau wie er nach dem dritten Bier. Die Stimmung wendete sich, er stand wohl gegen fünf Uhr auf, hatte sehr früh ins Büro gemusst, der Umzug sei noch nicht ganz abgeschlossen und letzte Nacht schliefe er auch schlecht. Ich verstand. Wollte es nicht, aber nickte mitfühlend. „Das Leben ist schon hart“ – wir verließen die Bar, gingen zur Straße, nach einer Umarmung auch in getrennte Richtungen.
Das kann man als einen netten Abend sehen. Aber dafür hatte ich keine Stunde im Bad gestanden, mich in die 29-Superskinny-Jeans gezwungen und mit der U-Bahn sechs Stadtteile hinter mir gelassen. Auf dem Weg zur Haltestelle checkte ich alle Apps kurz durch, weniger um den Abend direkt fortzusetzen, eher um auf ein Zeichen zu hoffen. Es beginnt zu regnen, ich gehe schneller. Fünf Minuten später stehe ich am Gleis vor der Anzeigetafel, die meine Bahn in weiteren fünf Minuten ankündigt. Und da hatte ich sie, die Nachricht, auf die ich nicht wartete: „Du bist 666 meter von mir entfernt! :)“
Eine halbe Stunde und einen kurzen Zwischenstopp bei Rewe später, stehe ich vor der Hausnummer 37 einer kleinen Gasse. Die Straßenlaternen leuchten nur abwechselnd, leicht gedimmt. Aus der Nebengasse dringen Gesprächsfetzen von Menschen, die eine Bar verlassen. Nach einer kurzen Nachricht, wo man denn klingeln solle, summt die Haustür. Ich öffne sie, nehme drei Treppen im Dunklen nach oben. Er begrüßt mich, wir gehen durch einen kurzen Flur, der nach alten Dielen riecht, und stehen in seinem Raum, der schon so aussieht, als studiere er Kunst.
„Ich studiere Kunst“, wirft er ein, als ich meinen Mantel ablege. Er besitzt kein Sofa, keine Couch, eigentlich gar keine Sitzgelegenheiten außer dieser Matratze, die wohl nicht wirklich auf dem Boden liegt, aber ihre Höhe lässt sich auch nicht als Bett beschreiben. Nachdem er Gläser holt, setzen wir uns, ich öffne den guten Dornfelder Spätburgunder von Rewe und schenke ein. Er habe vorher Schauspiel studiert, aber in Bremen, nicht in Berlin. Seine Mitbewohnerin heiße irgendwas mit D, seine Augen sind blau. Er neigt seinen Kopf beim Reden leicht nach links, von mir aus. Man fahre gar nicht solange mit dem Metronom nach Bremen und könne dabei auch gut arbeiten. Er weiss nicht mehr genau, was er bei der Bundestagswahl 2013 ankreuzte, aber nach seiner Erzählung stellt er die kapitalistische Gesellschaft sehr in Frage. Er verstehe nicht, warum die Menschen immer mehr haben wollen, sich nie zu frieden geben und besser sein müssten als andere. Es sei positiv, dass sich heutzutage alles zu einem individuellen Konsum entwickle, aber vielleicht seien wir einfach zu viele Menschen, um jeden als Individuum betrachten zu können. Der Dielenboden knatscht, wenn ich atme. Aus dem V-Ausschnitt seines Shirts gucken einpaar Haare raus. Er dreht sich eine Zigarette. Ich fahre fort, dass es dem Kommunismus nach Marx in der Realität nicht geben könne, dass die DDR meiner Meinung nach, niemals über den Zwischenschritt der Diktatur hinweg kam, und dass man sozialistische Ansätze zwar einbringen sollte, seine angestrebte Staatsform aber eine Utopie bleibe. Wenn er lächelt, zieht sein Mund sich etwas nach links. Ich drehe mir eine Zigarette. Er besitzt einen sehr kleinen Aschenbecher. So einen Reiseaschenbecher, den man als Werbegeschenk auf dem letzten Hurricane von den American-Spirit-Verkäufern bekam.
Ich frage ihn nach Musik, er klappt sein Macbook auf. Es scheint diese Air-Variante zu sein. Jedenfalls sieht das Gerät sehr dünn aus und arbeitet extrem langsam. Mir fällt auf, dass er auch sehr langsam und ruhig atmet. Ich betrachte sein Bücherregal, er scrollt durch seine Mediathek. Sein Bart scheint graumeliert zu sein. Eine beruhigende Frauenstimme beginnt zu singen. Ich frage, was das Bild an der Wand gegenüber bedeutet. Er steht auf, öffnet ein Fenster, schenkt Rotwein nach und setzt sich wieder. Das habe ihm sein Freund geschenkt. Ich drehe mir eine Zigarette. „In Anlehnung an meinen Lieblingskünstler aus Japan“, fährt er fort.
Bisher war ich immer der Auffassung, dass Monogamie erst dann beginnt zu existieren, wenn einer der beiden Menschen in einer romantischen Beziehung dieses Wort in den Mund nimmt. Aber nun ertappe ich mich selber dabei, wie merkwürdig es scheint, mit einem fremden Typen auf seinem Bett zu sitzen, während man doch eigentlich vergeben ist. Aus Versehen sage ich das auch so. Er lächelt mich an. Ich bin irritiert, dass mich dieses Situation irritiert. Seine Schlüsselbeine zeichnen sich durch was weiße Shirt ab. Die beiden haben nach einem Jahr Beziehung darüber gesprochen, ob man dieses Sexualleben auch anders auslegen könne und seien zu dem Entschluss gekommen, dass Menschen etwas viel Größeres verbinde als der Geschlechtsakt. Während ich noch darüber nachdenke, leert er den kleinen Aschenbecher. Ich entdecke den Plattenspieler unter dem Fenster, wir reden über Musik. Mein Problem liegt neben dem Alkohol vor allem darin, mich zwischen den beginnenden Gedanken für Beziehungsformen und seinem Lächeln zu entscheiden. Er fragt mich, was ich denn in dieser Nacht so verloren im Westen der Stadt vorhatte, wo ich doch aktuell eher im Osten wohne. Ich beginne meinen bisherigen Abend zu erläutern. Dass ich eigentlich ein anderes Date hatte, dies aber beendet wurde und ich keine genaue Vorstellung von dieser Nacht habe. Dass ich vor zwei Stunden noch am Bahngleis stand, mich solange nicht zwischen Handlung A und B entscheiden konnte, bis meine letzte Bahn einfach losfuhr und ich automatisch Handlung C antreten musste. Er küsst mich. Es riecht nach Altbau und Dielenboden.