wer, was, wo
„Ich verliebe mich immer in den gleichen Typ von Mann. Das ist meine Form von Monogamie“
In der Pause beim Rauchen, an Abenden in der Kneipe, beim Brunch am Sonntag. In der Uni, im Freundeskreis und beim Kaffee mit alten Bekannten erzählt man so oft von den letzten Dates. Wie schön das doch war, wie gut er küssen konnte, welch witzige Situationen es gab und dass man sich bestimmt mal wieder sehe. Aber mehr dann auch eigentlich nicht und egal, wie positiv man von den gemeinsamen Momenten berichtet, startet man wenig später doch wieder die üblich gleichen Apps auf der Suche nach etwas Neuem. Wer sucht noch einer monogamen Beziehung? Geht es wirklich darum, jemanden richtig kennen zu lernen, oder verändern sich Menschen heutzutage sowieso zu schnell, dass man über den Standardfragensatz gar nicht hinaus kommen möchte?
Letzten Monat hatte ich fünf Dates und alle entstanden über
das nach Großmutter nicht seriös verwendbare Internet. Trotzdem entstanden daraus schöne Abende, deren Erkenntnisse und Erinnerungen ich nicht missen möchte. Dabei ging es mir weder darum, eine schnelle Nummer zu schieben, noch den Menschen in mein Leben zu integrieren. Es passierte einfach, weil ich Lust auf neue Persönlichkeiten und andere Blickwinkel verspürte. Vielleicht ging es manchmal auch etwas weiter und man trennte sich erst am nächsten Morgen wieder. Aber so generell stand es nie im Raum, da langfristigere soziale Strukturen aufzubauen. Zumindest von meiner Seite aus. Da ist dieser kleine Gedanke, der nicht auf meiner Schulter, sondern in meinem Kopf sitzt und mit festen Gegebenheiten etwas sehr sehr negatives assoziiert: wie stressig so eine Beziehung sei und welch Verantwortung man da bekäme. So einseitig kann es laufen, das hat man immer wieder gehört, wenn sich frische Singles in Telefonaten und Sprachnachrichten ausheulen.
Aber dann gibt es trotzdem diese Screenshots der Gute-Nacht-Nachrichten, der süßen Bilder, die Erinnerungsfetzen aus warmen Sommernächten, die Gedanken an gemeinsame Tänze und wie er Dich nach Hause brachte. Du hattest immer eine Zahnbürste in diesem Schrank, warme Socken in der Schublade, an Getränke dachte er auch immer. Du bist in seinen Armen eingeschlafen und neben ihm wieder aufgewacht. Und dieser Gedanken legt sich dann jeden Abend ins Bett auf die freie Fläche neben Dir. Dass man doch genau für solche Situationen jemanden brauche und dann; genau dann stehe ich auf und hole die Menschenrechte aus dem Schrank. Denn diese Stimme, die in Nächten nach einem Partner ruft, scheint mir sehr egoistisch zu sein, weil sie nur jemanden haben möchte, wenn es auch gerade passt. Natürlich möchte man zu Hause Nachrichten bekommen, dass jemand einen braucht, aber bei Feierlichkeiten mit Freunden bleibt mein Telefon eben in der Tasche. Da sind wieder alle genervt, dass man sich mit der Romanze beschäftigt und nicht im Hier mit dabei ist.
Wenn man Freunde nach ihrem Liebesleben fragt, möchte man spannende Geschichten der letzten Nächte, von merkwürdigen Typen und diesem einen Unerreichbaren hören. Beeinflußt uns vielleicht genau dieser Drang nach Aufmerksamkeit? Unbewusst bestimmt.
Der Begriff der Monogamie klingt genauso öde, wie die Handlung sich damit auseinanderzusetzen. Es geht darum, sich darüber Gedanken zu machen, was man eigentlich möchte. Bestimmt gibt es Menschen, die mit ihrem ersten Sexualpartner glücklich bis zum Ende ihres Lebens genau dieses verbringen wollen. Großmutter hat das schließlich auch hinbekommen. Aber ich stoße immer wieder auf die Vorstellung, dass dieses konservative Bild nur noch existiert, um Menschen in der CDU/CSU Hegemonie einen Leitfaden zu geben; dass eine Beziehung als Grundlage für Glück von der Gesellschaft für jedes Individuum genauso zementiert. Also erfolgt in Dokumenten bei Ämtern weiter die Abfrage des Beziehungsstatus und das Kästchen für Ledig steht traurig am Rand.
Und natürlich ist es für ein System einfacher zu organisieren, wenn eine Familie immer aus einem Mann, einer Frau und deren Kindern besteht; wenn man keine Extraspalten für Stiefkinder, Lebenspartner, angeheiratete Cousins und Halbgeschwister einfügen muss; wenn ganz klar geregelt ist, wie so etwas auszusehen hat. Aber zieht es uns Menschen deswegen immer wieder zu dem Gedanken zurück, sich diesem Ideal anzupassen?
Das Internet scheint doch ein sehr freies Medium zu sein, aber dennoch bilden sich unterschwellige
Strukturen. Die blaue und gelbe App sind generell für schnellen sexuellen Verkehr gedacht, bei der roten Flamme auf dem weißen Grund wird es schon seriöser. Zwar kommt sie noch nicht an Kontaktanzeigen in der Zeitung ran, aber die Profilbeschreibungen der Nutzer unterscheiden sich zwischen den Plattformen definitiv von einander. Großmutter meint, dass digitale Kontaktaufnahmen nicht sehr tief gehen können, aber das widerlegt wohl jeder längere Chatverlauf. Früher hatte ich intimere Gesprächsthemen im Zufallschat bei ICQ als mit meinen Eltern, tippte längere Aufsätze auf Tumblr als in der Schule und konnte Menschen, die ich bis dahin noch nie traf, besser von meinem Leben erzählen, als allen Beteiligten. Natürlich brauchen wir jemanden, dem wir alles erzählen können. Aber braucht man dafür noch eine feste Beziehung oder verteilt sich diese Aufgabe heutzutage? Vielleicht kommen wir langsam auch psychisch im 21.Jahrhundert an und fallen aus den Strukturen.